Projekt Glienicker Brücke

wie belastend eine Trennung für Kinder ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sehr sie fortwährenden Spannungen zwischen den Eltern ausgesetzt sind. Ein neuralgischer Punkt, an dem diese Spannungen offen zu Tage treten können, sind die Übergänge der Kinder von einem zum anderen Elternteil. Schlimm wird es dann, wenn die Übergänge als Machtdemonstration des Residenzelternteils inszeniert werden. In diesem Fall schlafen die Beziehungen zwischen einem Elternteil und seinen oder ihren Kindern häufig mit der Zeit ein.

Nicht erst seit Stanley Kubricks Filmklassiker Clockwork Orange ahnen wir, dass man Menschen mit Negativerlebnissen selbst Urinstinkte wie Elternliebe oder Selbstbehauptungabtrainieren kann. Viele getrenntlebende Eltern können von Übergabesituationen berichten, die an emotionaler Dramatik manchen Krimi in den Schatten stellen. Zum Beispiel ein Vater, der sich vor jeder Begrüßung seiner Kinder vor den Augen der Mutter und der Kinder die Hände waschen muss. Es klingt wie ein schlechter Scherz und etwas, das man mit ein wenig Langmut wohl ertragen kann.

Für den Vater wie die Kinder jedoch ist fortan jedes Zusammentreffen mit dieser öffentlichen Demütigung (unreiner Vater muss sich waschen) des Vaters verknüpft. Der Vater wird nie unbeschwert zum Haus der Mutter gehen können; auch die Kinder werden nicht ohne Unbehagen dem Treffen mit dem Vater entgegensehen.

Psychologen aber auch Ökonomen haben längst die Kraft negativer Erlebnisse (Verlusts) erkannt. Diese werden viel stärker und einschneidender wahrgenommen als positive Begebenheiten. Der Psychologe John Gottmann schätzt, dass in einer stabilen Beziehung positive die negativen Interaktionen um das Fünffache übersteigen müssen (5:1). 

In diesem Beispiel müsste der betroffene Vater lediglich dafür sorgen, dass auf das Negativerlebnis der Übergabe viele positive Erlebnisse mit seinen Kindern folgen, um die Vater-Kind Beziehung stabil zu halten. Abgesehen davon, dass dies unter den gegebenen Umständen sicher nicht ganz einfach ist, kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, den der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman als das 'erinnernde selbst' oder das 'erinnernde ich' bezeichnet. Dieses erinnernde ich bestimmt unsere Wahrnehmung ganz wesentlich und sorgt in der Regel dafür, dass in der Rückschau ein Ereignis vom Ende her beurteilt wird. Ein Konzert, das mit einem groben Patzer endet, nachdem der Großteil der Darbietung absolute Weltklasse war, wird für gewöhnlich als ein schlechtes Konzert wahrgenommen. Einen misslungenen Abschied von einem guten Freund wird die Besucherin in ihrer Erinnerung als große Belastung abspeichern, obschon die gemeinsamen Tage an sich sehr schön und freudvoll waren. Ebenso werden herausragendes Leid, herausragender Schmerz etc. die sonstigen Begebenheiten dominieren also in der Erinnerung viel präsenter sein als 'normale' Phasen.

Beide Effekte - die Dominanz negativer Erlebnisse wie auch das erinnernde ich - führen bei einer andauernden Belastung der Übergabe (insbesondere zum Ende hin) zu einer Zermürbung aller Beteiligten. Verhaltenspsychologen und Coaches sprechen davon, dass die Protagonisten irgendwann 'gar' sind. An diesem Punkt wird der Wechsel nur noch als Belastung gesehen und bricht ab.

In dem Projekt Glienicker Brücke (nach dem Austauschort für enttarnte Agenten während des Kalten Krieges) sammeln wir Geschichten, um auf das spezielle Thema belasteter Übergang hinzuweisen. Viel öfter müssen für Übergabesituationen niederschwellige Angebote durch Umgangspfleger etc. angeboten werden; um auf dem noch langen Weg, bis gemeinsame Elternschaft die Norm wird, Leid von Kindern und ihren getrenntlebenden Eltern abzuwenden.

Bitte unterstützt das Projekt, indem ihr uns Eure kurzen Geschichten von problematischen Übergaben schickt, bzw. dieses Projekt zu den betroffenen Eltern tragt. Ebenso wie für andere Themen des Miteinanders von Mann und Frau, Eltern und Kind etc. muss für diese Problematik zuerst einmal eine Öffentlichkeit geschaffen werden.  

Wir freuen uns über Ihre Berichte von eigenen Erfahrungen oder denen von Freunden und Bekannten. Bitte schicken Sie sie an info [] getrennterziehen.org oder nutzen Sie das Kontaktformular am Ende dieser Seite 

Erfahrungsberichte als pdf

Erfahrungsberichte von Übergängen der Kinder

 

H. aus München, 49 (wöchentlicher Übergang von zwei Kindern, weiterhin enger Kontakt)

„In den ersten Jahren mussten die Kinder nach der Übergabe, also vor dem zu Bett gehen, immer noch baden. Es wurde sozusagen der 'Dreck' abgewaschen. Auch wenn die Kinder unmittelbar vorher mit mir beim Schwimmen waren, bereits bei mir geduscht oder gebadet hatten oder schlichtweg sauber waren. Sie mussten immer baden. Mittlerweile wehren sie sich erfolgreich dagegen.

Ich selbst muss bei der Übergabe vor der Haustüre hinter dem Fahrradschuppen stehen, sichtbar für die Kinder vor der Haustür, aber unsichtbar vom Hausflur aus. Wenn ich sichtbar bin, gibt es sofort eine Szene."

 

E. aus Mainz, 52 (wöchentlicher Übergang von zwei Kindern, Kontakt abgebrochen)

„Bei uns war es ein komplettes Ritual. Meine Kinder wurden wie ans rettende Ufer ins Haus gescheucht, während ich mit irgendeinem aus der Luft gegriffenen Vorwurf wahlweise aggressiv oder weinerlich konfrontiert wurde. Dabei war ich zwar angesprochen, aber die Kinder wurden adressiert.

Die Tür wurde dann immer regelrecht zugeschmissen und sofort verschlossen. Ich stand immer unten vor der 3-stufigen Treppe zum Treppenabsatz, also weit genug entfernt, um nicht aggressiv zu wirken.

Anschließend war sofortiges Baden angesagt und die Kleidung wurde direkt in die Waschmaschine gesteckt.

Später wehrte sich das jüngere Kind gegen die abrupten Wechsel und stemmte sich mit seinem Armen zwischen Tür und Türrahmen während M. von innen die Tür zudrückte und es an den Schultern hereinzerrte.“


M. aus der Nähe von Berlin, 45 (wöchentlicher Übergang von einem Kind, Kontakt abgebrochen)

„Mein Kind muss immer nach dem Übergang zurück zu S. die Kleidung sofort ausziehen, da mein Waschmittel ‚so schrecklich riechen würde‘. Auch insgesamt rieche es bei mir angeblich unangenehm. Daher muss auch das Lieblingskuscheltier meines Kindes nach jedem Umgang gewaschen werden und hat dadurch bereits erheblichen Schaden genommen - das hat sogar Eingang in unser Gutachten gefunden.

Ich habe mittlerweile anwaltlich verordnetes ‚Waschverbot‘, da die Sachen bei mir auch immer einen Graustich bekommen würden. Unglaublich aber wahr, für solche Schriftsätze geben sich Anwälte her.“ 


J. aus der Nähe von Offenburg (Rhein), 53 (wöchentlicher Übergang von zwei Kindern, Kontakt weiterhin eng)

Wir wohnen Luftlinie 200m entfernt. Trotzdem haben wir eine starre Regelung, spontane Besuche bei Mutter oder Vater sind nicht möglich. Die Kinder dürfen mich nicht einmal anrufen, wenn Sie im anderen Haushalt sind. Dies macht es für sie nicht gerade leichter. Manchmal wollte insbesondere meine Tochter nicht zurück. Die Stunden bis zum Übergang lastete dann wie ein Alpdruck auf uns. M. musste sie dann fast gewaltsam an der Haustür aus meinen Armen reißen; später dann aus dem Auto, weil ich sie dort nicht herausbekommen habe.

Vor der Wohnung von M. sind lt. gerichtlich bestellter Gutachterin vier Kameras fest installiert, die uns bei der Übergabe filmen. Den Kindern hat M. laut Gutachten vermittelt, dass sie sich vor mir schützen müsse. In meiner Verzweiflung habe ich 2017/2018 die Gemeindereferentin unserer örtlichen katholischen Gemeinde gebeten, die Übergaben zu unterstützen. Sie kennt beide Eltern und die Kinder gut. Sie hat mit meiner Tochter gesprochen, brachte sie vom Haus zum Auto und von dort zur Wohnung von M. Sie konnte das natürlich nicht jede Woche machen. Das Jugendamt hat mich in dieser Hinsicht überhaupt nicht unterstützt, ganz im Gegenteil, sie gossen nach meinem Empfinden häufig noch Öl ins Feuer.

Mittlerweile wechseln die Kinder über die Schule. Bis dahin war es häufig ein die Kinder und die Eltern sehr belastendes Drama. 

 
 
 
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